Christvesper und Christmette - Was ist der Unterschied?

gestellt von Susanne am 12. Januar 2019

Hallo Frau Klee,

am Heilig Abend werden, in nahezu allen evangelischen Kirchen, mehrere Gottesdienste angeboten. In der Kirche, in der ich den Gottesdienst besucht habe, wurde zwei mal eine Christvesper und eine Christmette gefeiert. Außerdem noch ein Familiengottesdienst.

Nun meine Frage: Was ist der Unterschied zwischen einer Christvesper und einer Christmette?

Jedes Jahr auf´s Neue kommt es am Heilig Abend zu dieser Frage, aber wirklich gestellt habe ich sie bisher noch nicht. Ich hoffe, Sie können mir, auf die nun hier gestellte Frage, eine Antwort geben. Ich würde mich sehr freuen.

Herzliche Grüße
Susanne

Hallo Susanne!

Bei Ihrer Frage musste ich selbst erst einmal überlegen. Manche Traditionen sind ja so festgefügt, dass es gar nicht so leicht zu beantworten ist, wie sie sich unterscheiden.

Die Bezeichnungen "Vesper" (lat.: Abend) und "Mette" (lat.: Morgenstunde) gehen unabhängig vom Weihnachtsfest auf die Tradition im Christentum zurück, an bestimmten Tageszeiten zum sogenannten Stundengebet innezuhalten (1. Thess 5,17 oder Ps 119,164). So z.B. morgens, mittags und abends. Das regelmäßige Gebet erinnert uns daran, dass Tag und Nacht, Licht und Dunkel, selbst die einzelnen Stunden des Tages, von Gott geschaffen wurden. Im Mittelalter wurden in den Klöstern auf diese Weise mehrere Stundengebete am Tag gefeiert, sie hatten alle ihre festgefügte Form, die in liturgischen Büchern notiert war. Bis heute ist so für die Christvesper und die Christmette festgelegt, welche Texte und Lieder dort gesungen werden. Das ist für alle evangelischen Kirchen gleich. Die Form kann jedoch variieren.

Am Weihnachtsfest lässt sich die Tradition des Stundengebets noch erahnen. Zu bestimmten Zeiten am Heilig Abend werden Gottesdienste gefeiert. Das hat auch eine ganz praktische Seite, da es sehr vielen Menschen wichtig ist, einen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen. So werden je nach Kirchengemeinde unterschiedlich viele Gottesdienste begangen. Die einzelnen Gottesdienste richten sich oft an bestimmte Menschen.

Morgens finden in vielen Orten Gottesdienste in den Seniorenheimen statt. Auch andere Einrichtungen, in denen die Menschen nicht in die Kirche kommen können, werden von Pfarrerinnen und Pfarrern besucht.

Nachmittags werden die Familiengottesdienste gefeiert. Es werden sehr bekannte Lieder gesungen. Meistens beinhalten sie ein Krippenspiel. Manchmal spielen darin Kinder oder Jugendliche mit. Sie sind dann die Engel oder Hirten, Maria oder Josef. Die Familiengottesdienste richten sich an Familien mit Kindern. Sie sind deswegen möglichst kindgerecht. Weil die Kinder ja sehr aufgeregt sind, können die Familien gleich schon im Anschluss beisammen sein, Geschenke auspacken, miteinander essen.

Abends findet die Christvesper statt. Das ist schon seit dem frühen Christentum so, weil hohe christliche Feste bereits am Vorabend mit Einbruch der Dunkelheit begangen wurden. Die Christvesper ist also ein Gottesdienst, der am Vorabend des eigentlichen Christfestes (25.12.) stattfindet. Zu ihr gehen vor allem Jugendliche und Erwachsene. Bei uns ist der Gottesdienst ganz auf die Predigt ausgerichtet. Aus der Predigt kann man dann etwas mitnehmen für das eigene Weihnachtsfest. Natürlich werden aber auch wieder die klassischen Weihnachtslieder gesungen. Manchmal gibt es zudem besondere Musik.

Ähnlich verhält es sich mit der Christmette. Die Mette meint ursprünglich einen Gottesdienst, der zu Beginn des anbrechenden Tages gefeiert wurde. Die ersten Christinnen und Christen haben die ganze Nacht miteinander gebetet, bis zum frühen Morgengrauen. So haben sie sich auf das Christfest vorbereitet. Uns erinnert die Christmette heute an die Geburtsstunde Jesu und liegt deswegen mitten in der Nacht. Sie wird ebenfalls eher von Jugendlichen und Erwachsenen besucht. Gemeinsam ist Christvesper und Christmette - wie auch dem Familiengottesdienst - die Lesung der Weihnachtsgeschichte. Aber die anderen Texte, über die dann zum Beispiel gepredigt wird, können sich unterscheiden. Die Christmette hat oft eine besonders schöne Gestaltungsform. Durch die Feier in der tiefen Nacht ist sie besinnlich und meditativ. Hier kann man zur Ruhe kommen nach dem ganzen Weihnachtstrubel.

So kann sich jede und jeder für sich einen schönen Gottesdienst am Weihnachtsfest aussuchen. Alle haben aber einen ganz eigenen Charakter.

 

Beste Grüße,

Johanna Klee

 

 

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Kommentare

Hallo Frau Klee,

danke, für die ausführliche und informative Anwort, die Sie mir, auf meine Frage hin, gegeben haben.

Nachdem ich die Antwort mit großem Interesse gelesen habe, sind meine Gedanken "weiter gewandert", hin zum Osterfest und den Gottesdiensten, die zu Ostern gefeiert werden. Da gibt es z.B. die "Osternacht". Dieser Gottesdienst beginnt meist zwischen 22°° Uhr und 0°° Uhr. In manchen Gemeinden wird auch ein Gottesdienst ganz früh am Morgen des Ostersonntags, vor Sonnenaufgang zwischen 5°° Uhr und 6°° Uhr, gefeiert. Gehen diese Gottesdienste auch auf die Stundengebete der ersten Christen zurück und werden "Mette", in diesem Fall dann wohl "Ostermette" genannt, weil sie nachts, bzw. ganz früh am Morgen, vor Sonnenaufgang, gefeiert werden?

Der Gottesdienst am Ostersonntag vor Sonnenaufgang zwischen 5°° Uhr und 6°° Uhr könnte dann an die Stunde der Auferstehung Jesu erinnern, so wie die Christmette um Mitternacht zu Weihnachten, laut Ihrer Antwort oben, an die Geburtsstunde Jesu erinnern soll. Ich weiß es nicht, ist nur so eine Idee von mir!

Herzliche Grüße Susanne

Hallo Susanne,

wie schön, dass Sie an dem Thema dran bleiben. Sie haben ganz recht mit ihren Gedanken!

Die Osternacht wird manchmal tatsächlich auch Ostermette genannt - in Anlehnung an die Christmette. Und auch die Osternacht bzw. Ostermette ist ein Gottesdienst, der vor dem Einbruch des Tages gefeiert wird. Also mitten in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden. Mancherorts wird sogar die ganze Nacht gewacht. Die Osternacht erinnert an die drei Frauen, die sich frühmorgens - noch in der Dämmerung - zu Jesu Grab begeben haben. Es ist die Stunde der Auferstehung Jesu. Der Gottesdienst markiert damit den symbolischen Übergang von Dunkel zu Licht, von Tod zu Auferstehung. Diese Wirkung spürt man natürlich stärker, wenn der Gottesdienst tatsächlich mit Einbruch des Tages schließt, also um 5 oder 6 Uhr gefeiert wird. Findet die Osternacht gegen Mitternacht statt, wird dieser Übergang von Licht zu Dunkel durch das Osterfeuer und das Entzünden der Kerzen begangen. Auch das ist sehr stimmungsvoll. So ist die Osternacht einer der wichtigsten Gottesdienste im Christentum, denn wir feiern die Auferstehung Jesu und damit seinen Sieg über die Dunkelheiten in unserem Leben.

Beste Grüße,

Johanna Klee

Hallo Frau Klee,

es freut mich, dass ich mit meinen Gedanken richtig liege. Das ist 100%ig auf Ihre Antwort zu meiner Frage zur Christvesper und Christmette zurück zu führen. Sie haben alles so gut erklärt, dass ich es wunderbar für mich nachvollziehen konnte. Durch das Nachvollziehen können, sehe ich im Anschluß daran, dann auch oft Verbindungen, in diesem Fall zu Gottesdiensten, die zu Ostern gefeiert werden.

Ein neuer Gedanke von mir, geht hin zum Gottesdienst am Gründonnerstag. Dieser Gottesdienst könnte auch als "Gründonnerstag-Vesper" gefeiert werden, oder? Er beginnt, in den meisten Gemeinden, um 18°° Uhr, also am frühen Abend. Er ist damit außerdem ein Gottesdienst der am Vorabend wichtiger, darauf folgender, Festtage liegt. (Karfreitag und Ostern) Wir Christen erinnern zudem, an diesem Abend, an das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern vor seiner Kreuzigung gefeiert hat. (Einsetzungsworte zum Abendmahl, das wir heute regelmäßig im Sonntasgottesdienst feiern). Eigentlich müsste dieser Gottesdienst am Gründonnerstag als "Gründonnerstag-Vesper" mit Abendmahl gefeiert werden.

Für das Pfingstfest sehe ich allerdings, was die Gottesdienste angeht, so eine Verbindung nicht obwohl Pfingsten, so meine ich, auch zu den wichtigen Festen gehört, genau so, wie Ostern und Weihnachten. Keine Vesper am Vorabend zum Pfingstsonntag, keine Mette am frühen Morgen des Pfinstsonntags oder um Mitternacht herum (zwischen 22°° Uhr und 0°° Uhr). Schade!

Herzliche Grüße Susanne

Hallo Susanne!

Beim Abendgottesdienst am Gründonnerstag handelt es sich tatsächlich auch um eine Vesper. Als Vesper leitet der Gottesdienst die Ostertage ein. Insbesondere leitet er Karfreitag ein, wenn am Ende des Gottesdienstes mancherorts der Altarschmuck entfernt wird. Da der Gottesdienst am Gründonnerstag aber einen ganz eigenen Charakter hat - es wird an das Letzte Abendmahl Jesu gedacht -, ist bei uns die Bezeichnung als Vesper eher unüblich.

Bei Pfingsten zeigt sich, dass dieses Fest in der evangelischen Kirche nicht mehr so stark im Mittelpunkt steht. Während in der römisch-katholischen Gottesdienst dort noch Vespern gefeiert werden, ist das bei uns eher die Ausnahme.

Danke für Ihr großes Interesse! Das sind wirklich spannende Gedanken!

Beste Grüße,

Johanna Klee

Hallo Frau Klee,

danke für Ihre Antwort, die, wie immer, von mir gut nachvollzogen werden konnte. Nur an einem Punkt komme ich nicht so ganz mit. Sie schreiben, Zitat: "Bei Pfingsten zeigt sich, dass dieses Fest in der evangelischen Kirche nicht mehr so stark im Mittelpunkt steht." Warum steht, Ihrer Ansicht nach, Pfingsten bei uns Evangelischen Christen nicht mehr so sehr im Mittelpunkt? Wir feiern an Pfingsten die Ausgießung des Heiligen Geistes, wir feiern den Geburtstag der Kirche. Mit dem Pfingstfest endet der Osterfestkreis. Das sind doch drei Punkte, die Pfingsten zu einem Fest macht, das durchaus im Mittelpunkt steht. Gut, es ist nicht das wichtigste Fest. Das wichtigste Christliche Fest ist Ostern, weil in Ostern der Kern unseres Christlichen Glaubens begründet liegt. Dann folgt Weihnachten. Aber an dritter Stelle steht Pfingsten, oder?

Und nun noch meinen Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen ZDF-Fernsehgottesdienst. Ich habe mir den Gottesdienst aus Braunschweig am Sonntag den 27.01.2019 im Fernsehen angeschaut. Es war ein schwieriges Thema dran. Aber der Holocaust gehört nun leider zu unserer Deutschen Geschichte dazu und kann von Keinem weggeleugnet werden. Am Holocaust-Gedenktag müssen die Kirchen dieses Geschehen irgendwie in ihren Gottesdiensten zur Sprache bringen. Ihnen ist das im ZDF-Gottesdienst super gelungen. Sie haben ein trauriges Thema behandelt, aber daraus keinen Trauergottesdienst gemacht. Die Musik und die Lieder lagen genau auf meiner Wellenlänge. Die Predigt würde ich gerne noch einmal nachlesen. Die war nämlich auch sehr ansprechend. Wo und wie kann ich sie (vielleicht als PDF-Datei) im Internet finden?

Herzliche Grüße Susanne

Hallo noch einmal,

herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung zum Fernsehgottesdienst. Schön, dass er Ihnen gefallen hat. Die Unterlagen samt Predigt dafür gibt es auf der Homepage des ZDFs.

Nun zum Thema Pfingsten: Sie haben ganz Recht, eigentlich ist das doch ein sehr wichtiges und schönes christliches Fest. Wir Feiern 50 Tage nach Ostern die Ausgießung des Heiligen Geistes und den Geburtstag der Kirche. Es scheint am Protestantismus zu liegen, dass viele mit dem Heiligen Geist nicht mehr ganz so viel anfangen können. Schon Martin Luther hat sich sehr mit denjenigen Gläubigen auseinandergesetzt, die statt Christus den Heiligen Geist zum Zentrum ihres Glaubens machten. Für ihn war der Grundstein des christlichen Glaubens die Rechtfertigung in Christus, weswegen Karfreitag für ihn wohl das zentralste christliche Fest war. Deswegen haben die Christusfest wie Weihnachten und Ostern in der evangelischen Kirche einen hohen Stellenwert.

Der Heilige Geist ist demgegenüber auch in der deutschsprachigen theologischen Literatur eher weniger beachtet, obwohl der Geist in der Trinitätslehre Gottvater und Gottsohn gleichwertig ist. Er ist schlicht weniger greifbar und schwerer zu vermitteln.

In einigen Kirchengemeinden wird aber versucht, den Pfingstgottesdienst zu stärken. Zum Beispiel, wenn Rosenblätter als Segen vom Himmel regnen. So kann der Heilige Geist spürbar werden.

 

 

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