Wie ist das mit Calvin und dem Kapitalismus?

gestellt von Susanne am 25. März 2019
Reformator Johannes Calvin

©epd-bild//Mathias Ernert

Hallo Herr Muchlinsky,

ich habe eine Frage, die ich hier und heute an Sie richten möchte.

Meine Frage ist diese: Johannes Calvin wird hin und wieder in Verbindung mit dem Kapitalismus gesehen. Warum? Calvin war ein Reformator so wie z. B. Martin Luther u. a. Was hatte Calvin mit Kapitalismus zu tun?

Mit großem Interesse erwarte ich Ihre Antwort auf meine Frage.

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

Sie haben Recht: Johannes Calvin  hätte sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, als "geistiger Vater des Kapitalismus" zu gelten. Dennoch wird er heute von einigen so gesehen. Doch das ist eine Meinung - es steht Menschen frei, sie zu haben und zu vertreten. Viele andere vertreten sie nicht - und alle haben ihre Gründe.

Es war vor allem ein Ökonom und Soziologe, der lange nach  Calvin lebte, nämlich Max Weber (1864-1920), der Calvins Lehren "pro-kapitalistisch" deutete. Reformierten Protestanten haben nach Webers Auffassung eine «spezifische Neigung zum ökonomischen Rationalismus» und begünstigen damit die Entwick,lung des Kapitalismus. Weber hatte beobachtet, dass sich der Kapitalismus in calvinistisch geprägten Ländern wie den Niederlanden, England und den USA, besonders früh und erfolgreich entwickelte. Das führte er auf einen theologischen Gedanken zurück, nämlich den der Gnadenwahl. Diese besagt, dass Gott in einem unabänderlichen Ratschluss einige Menschen im Vorhinein zum ewigen Heil erwählt und andere zur ewigen Verdammnis bestimmt hat. Ein Mensch erkennt, auf welche Seite er unabänderlich gehört, zum Beispiel durch seinen beruflichen Erfolg. Nur der Erwählte ist beruflich erfolgreich und kann durch harte Arbeit Gottes Ruhm vermehren. Gelungene Arbeit galt als ein Zeichen dafür, wonach der religiöse Mensch sein Leben lang strebt: "Gnadengewissheit".Calvin sah in seiner Vorherbestimmungslehre einen dreifachen Nutzen:Sie führe zu Gewissheit, Demut und Dankbarkeit. Diese drei  gelten als reformiert-protestantische Tugenden.

Aber diese Deutung ist nur eine Seite der Medaille - und sie versteht bei Calvin nur das, was zur Thesenbildung für ein Wirtschaftsmodell führt. Es gibt auch einige Fakten in Calvins Biografie, die all das  fördern: er war ein Arbeitstier - und er machte sich zum Beispiel Gedanken zum Umgang mit Zins.

Ich möchte mit einem Zitat schließen, das vielleicht zeigt, dass es lohnt, einmal näher auf Johannes Calvin zu schauen:

Gott will, daß ein Verhältnis und eine Gleichheit zwischen uns besteht, d.h. dass jeder mit dem Nötigen zu versorgen ist entsprechend dem Umfang seiner Mittel, so dass niemand zu viel und niemand zu wenig hat. 

(aus: Calvini Opera 50,100f (Kommentar zu 2.Kor.8,13f)

Herzliche Grüße - auch im Namen von Frank Muchlinsky!

Veronika Ullmann

 

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Kommentare

Hallo Frau Ullmann,

danke, für Ihre Antwort auf meine Frage zu Calvin und dem Kapitalismus.

Wenn ich Ihre Antwort lese, bekomme ich das Gefühl, dass Calvin ein Mensch mit zwei Gesichtern war, die völlig konträr zueinander standen. Auf der einen Seite hat Calvin, für mein Empfinden, eine hart wirkende Stenge an den Tag gelegt. Sein Blick war unmissverständlich nach vorne gerichtet. Bei Calvin gab´s kein "wenn und aber". Vorherbestimmt zum Heil (Himmel) oder vorherbestimmt zur ewigen Verdammnis (Hölle)! Ewige Verdammnis (Hölle), das macht Angst, das kann kein liebender Vater seinen Kindern wünschen. Ich glaube nicht, dass Gott seine Kinder zur ewigen Verdammnis (Hölle) vorherbestimmt hat. Eher doch zum ewigen Heil (Himmel)!

Auf der anderen Seite kam Calvin in einer durchaus menschlichen Art und Weise rüber. Es war nicht seine Absicht Verlierer zu produzieren. Das wird für mich hier deutlich:

Zitat: "Gott will, daß ein Verhältnis und eine Gleichheit zwischen uns besteht, d.h. dass jeder mit dem Nötigen zu versorgen ist entsprechend dem Umfang seiner Mittel, so dass niemand zu viel und niemand zu wenig hat."

Ich denke, dass sich Calvin, wenn er bereits zu seinen Lebzeiten in die "Kapitalismus-Schublade" einsortiert worden wäre, massiev dagegen ausgesprochen hätte. Der Kapitalismus produziert unweigerlich so manchen Verlierer und das wollte Calcin ja eigentlich nicht. Trotzdem ist ein zur ewigen Verdammnis (Hölle) Verurteilter schon als "Verlierer" zu sehen. So ganz passen für mich die Gedanken Calvin´s nicht zusammen. Na ja, da kommen eben die zwei Gesichter des Reformators deutlich zum Ausdruck.

P.S.: Das Bild, oben, ist übrigens klasse! Gefällt mir sehr gut! Ist das ein Ausschnitt aus einem Kirchenfenster?

Herzliche Grüße und richten Sie bitte auch Pfarrer Muchlinsky einen Gruß von mir aus!
Susanne

Die Bibellese (1. Korinther 1,26-31) vom Donnerstag den 23. Januar 2020 hat mich dazu bewogen, mal wieder über Calvin und seine doppelte Prädestination nachzudenken.

Calvin hat mit seiner Theologie zur doppelten Prädestination bei seinen Anhängern (Calvinisten) den Ausschlag gegeben das Leben sehr stark am Erfolg (Arbeit) und am Geld zu messen. Erfolg im Beruf gilt demnach als Zeichen dafür, von Gott für´s Heil (Himmel) vorherbestimmt zu sein. Keinen Erfolg zu haben = Hölle, ewige Verdammnis. (s. auch Antwort oben).

Meine Ansicht dazu ist: Da, wo das eigene Denken sehr stark auf Erfolg, Arbeit und Geld ausgerichtet ist, bleibt die Menschlichkeit "auf der Strecke". Diese Art zu denken kann, auf die Dauer gesehen, einen selbst und die Menschen, die im direkten Umfeld zu einem leben (Familienangehörige, Bekannte, Freunde u.s.w.) krank machen.

Meine Gedanken gehen nun hin zur Bibellese vom Donnerstag 23. Januar 2020 (1. Korinther 1,26-31). In der kurzen Auslegung zum Text steht im "Neukirchener Kalender" für mein Empfinden ein sehr offenkundiger Satz:

Zitat: "Gott pflastert den Weg zum Heil absichtlich nicht mit Glanz und Gloria. Keiner soll meinen, dass man sich die Rettung mit Erfolgen im Leben verdienen kann. Allein an Jesus ist die Liebe Gottes abzulesen."