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Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

Ihre Antwort an Frau Beetz mag für deren Zwecke ausreichend sein, stellt aber das tatsächliche katholische Eheverständnis, wie es sich im gültigen Kirchenrecht der katholischen Kirche widerspiegelt, nur ungenau dar. Da dies aber vielfach konkrete Auswirkungen auf konfessionsverschiedene Ehen haben kann, wäre es aus ökumenischen Gründen wünschenswert, hier die ganze Wahrheit zu sagen.
In Ihrer Antwort erwecken Sie den Eindruck, als hänge die Sakramentalität der Ehe nach katholischer Auffassung an der katholischen Trauung. Dies ist nicht zutreffend. Nach katholischer Auffassung ist vielmehr jede GÜLTIGE Ehe zwischen GETAUFTEN sakramental. Zwar gehört nach dem Codex Iuris Canonici (dem Rechtsbuch für die Katholiken der lateinischen Kirche) zu den Gültigkeitskriterien für Katholiken die katholische Trauung oder die Dispens (d.h. Ausnahmegenehmigung) von dieser "Formpflicht", aber dies gilt eben nur für die Katholiken. Da der Codex evangelischen Christen keine "Formpflicht" auferlegen kann, wird in ihrem Fall von der Gültigkeit der Ehe z.B. auch durch eine evangelische oder auch nur standesamtliche Trauung ausgegangen. Aus der anerkannten Gültigkeit der evangelischen Taufe ergibt sich daher, dass zwei evangelische Christen auch auf dem Standesamt eine nach katholischer Auffassung sakramentale Ehe eingehen. Nach katholischer Auffassung sind also nicht bloß katholisch getraute Ehen oder nur Ehen, an denen Katholiken beteiligt sind, sakramental, sondern z.B. auch Ehen evangelischer Christen, und zwar unabhängig davon, ob diese selbst die Ehe für ein Sakrament halten oder nicht.
Dies ist keinesfalls bloß eine theoretische Frage, sondern hat immer dann auch praktische Auswirkungen, wenn evangelische Christen mit einer Vorehe katholische Christen heiraten wollen. Und das führt dann regelmäßig zu Überraschungen, weil dieser Umstand in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist.
So kann es beispielsweise passieren, dass eine katholische Person eine evangelische Person heiraten will... beide sind geschieden, haben also jeweils eine Vorehe... beide Vorehen wurden standesamtlich geschlossen. Eine katholische Trauung ist dann in der Regel nicht möglich, überraschenderweise aber nicht wegen der Vorehe des katholischen Teils (die wegen Nichteinhaltung der Formpflicht als nicht gültig und ergo auch nicht als sakramental angesehen wird), sondern wegen der angeblichen "Sakramentalität" der standesamtlich geschlossenen Ehe des evangelischen Partners. Evangelischen Christen kann es also unter Umständen nicht egal sein, wie die katholische Kirche ihre Ehen einschätzt. Und deshalb sollten evangelische Christen das katholische Eherecht durchaus wenigstens in Grundzügen kennen.

Mit freundlichen Grüßen
Matthias Thiele