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Geachteter Herr Muchlinsky,
Ihre gutgemeinte Antwort lässt mich ein Missverständnis erahnen.
Die Intension meine Erfahrung des Schadens zu teilen, war folgende: Wenn jemand sich die Frage stellt, „Darf man vor der Ehe Sex haben?“, ist es mir wichtig, dass neben der Antwort „die evangelische Kirche verbietet es dir nicht, uns ist es wichtig, dass ihr respekt- und liebevollen Sex habt“, auch die Erfahrung des geistlichen Effektes erwähnt wird. Es ist mir wichtig zu zeigen, dass es eine Empirie jenseits des theologischen Diskurses gibt. Die Diskursmeinung ändert an meinem Erleben nichts.
Meine Aussage „Ich habe es als Sünde erlebt“, ist eine völlig andere als „Die evangelische Kirche verbietet es nicht“. Ich rate meiner Erfahrung nach vom vorehelichen Sex ab, auch wenn ich es nicht verbiete. So wie der Staat das Rauchen nicht verbietet, aber davon abrät.
Ich halte es für sinnvoll auf ein Verbot zu verzichten. Dieser Verzicht trennt zwischen Verbot und Sünde (denn Sünde ist nicht verboten, es ist etwas mit dem wir uns selber schaden), und macht die Institution der Kirche demütig zwischen Gott und Gesellschaft. Aber ich denke, dass solche Fragen nach einem konfessionellen Verbot, neben der Aussage „Von der Kirche erlaubt/ verboten“ auch einen geistlichen Rat erwünschen, der die Ebene des humanistischen Konsens verlässt und über geistliche Wirkungen berät.
Auch ist es mir wichtig zu erwähnen, dass Ehe nicht nur eine gesellschaftliche Dimension besitzt, sondern dass Ehe etwas ist, an dem Gott Wohlgefallen hat, etwas das unter seinen Segen gestellt wird. Somit hat Ehe eine geistliche Dimension. Ebenso hat Sex auch eine geistliche Ebene, und das habe ich halt erlebt.

Überdies deckt sich meine Erfahrung auch mit der Erfahrung anderer Christen, bspw. einem engen Freund, welcher selbst doppelter, evangelischer Pastorensohn ist, und engagiert die Schrift erforscht.
Ich möchte aber gerne noch über eine Erfahrung ohne Schaden berichten:
Eine Freundin von mir erkannte auch irgendwann, dass Sex außerhalb des Rahmens der Ehe, dem Herrn kein Wohlgefallen ist. Fortan hörten sie und ihr Partner auf Sex zu haben, vor der Ehe. Beide berichten, wie die Beziehung ohne Sex in eine andere Intimität hinein wachsen konnte. Zudem wuchsen die geistlichen Beziehungen zu Gott in der Folge der Enthaltsamkeit, sowohl die Individuellen, als auch die als Paar. In dieser gewachsenen Intimität mit Gott und miteinander konnten alte seelische Verletzungen heilen, bei denen selbst eine Psychotherapie wenig ausrichten konnte. Die Enthaltsamkeit brachte also der Beziehung Segen und Heilung.
Das waren nun nur drei empirische Beispiel von vielen zu diesem Thema.
Ich finde es beachtenswert, das alle mir bekannten Erfahrungen, von sexueller Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe (weit mehr als die hier erwähnten) das als empfehlenswert, segensreich und „nicht zu bereuen“ berichten (wie erwähnt, auch von Leuten die bereits liebevollen Sex hatten). Hingegen habe ich in den Erfahrungen von Leuten ohne sexuelle Enthaltsamkeit, außerhalb der Ehe, Reue, Leiden, oder keine (geistlichen) Effekte erlebt und berichtet bekommen.
Ich finde es beunruhigend, dass die Erfahrung einer Beeinträchtigung in der persönlichen Gottesbeziehung als „gut und richtig“ bewertet wird (Mir ist bewusst, dass sich diese Bewertung auf den vorehelichen Sex bezieht, aber für mich sind Handeln und geistliche Folge, eng verknüpft).

Interessant ist es, dass hier Personen als „falsche Lehrer“ benannt werden. Und das, obwohl an sich von eigener Empirie die Rede war.
Die Erfahrungen des geistlichen und persönlichen Schadens wurden im Vergleich ausgewertet. Im Vergleich mit den Erfahrungen anderer, die entweder ähnlich gehandelt und ähnliche Folgen erlebt haben, oder anders gehandelt und andere Folgen erlebt haben (wie bspw. die Obenstehenden). Soweit sind keinerlei „Lehrer“ im Spiel, sondern nur erlebte Wirklichkeit. Und erlebte Wirklichkeit als „falschen Lehrer“ abzustempeln finde ich fahrlässig.
Ja, sicher wurde das Erlebte auch im Rat anderer Personen beleuchtet, die mir und anderen als geistliche „Mentoren“ dienten. Das waren Personen in meinem Leben, durch die eine direkte Gottesbeziehung, ein regelmäßiges Gebetsinteresse, Dialog mit Gott, Glaube an einen wundertätigen Gott, Interesse am eigenen Schriftstudium und Ähnliches, überhaupt erst denkbar wurden. Auch solche Personen als „falsche Lehrer“ zu bezeichnen halte ich für gefährlich irreführend (zumindest aus christlicher Sicht).
Sicherlich ist nicht alle Lehre wahr und weise, denn jeder Mensch irrt. Daher sollte man ja auch prüfen. Das macht aber nicht den Lehrer falsch, sondern bestenfalls die Lehre.
Ich denke grundsätzlich gilt unter Christen: Liebe den Sünder und hasse die Sünde.

Abgesehen davon: „Liebe zu Menschen nimmt der Liebe zu Gott nichts weg.“ Da Gott Liebe ist (Bspw. 1. Joh. 4:8) ist das grundsätzlich ein richtiger Satz. Ist jedoch die Liebe zu einem Menschen größer als die Liebe zu Gott, dann muss ich widersprechen, denn das macht den anderen Menschen zum Götzen („Götze“ i.S.v. „Ersatz-Gott“), und nimmt letztlich beiden „Lieben“ etwas weg. Denn Liebe beinhaltet Hochachtung, und achtet man einen Menschen höher als Gott, dann distanziert einen das von Gott, es ist also Sünde.
Abgesehen davon scheint es mir notwendig, zu erwähnen, dass Sex und Liebe nicht synonym sind, und Liebe keinesfalls Sex erfordert (das wäre eine Katastrophe für bspw. die elterliche Liebe). Auch wenn Sex idealerweise ein Liebesakt ist, so ist er der Liebe untergeordnet. Ist es andersherum, wird Sex zur „Bedingung“ der Liebe, wird die Liebe dem Sex untergeordnet, dann wird die Liebe vom Sex ausgenutzt. Dass das ungesund ist, sagen Sie ja selber.
Also ist Sex vor der Ehe nicht notwendig, und geistlich eher schädlich als förderlich. Und um den Rat über geistliche Effekte geht es ja hier, in meinen Kommentaren.
Mit freundlichen Grüßen,
Friedrich

P.S. Konnte ich meine Gedanken und Anmerkungen nachvollziehbar darstellen?