Neuen Kommentar schreiben

Lieber Herr Muchlinsky,

Sie haben Probleme mit meinem Satz "Symbole machen nur Sinn im historischen Kontext". Deshalb will ich Ihnen diesen Satz, der im Mittelpunkt meiner Frage stand, genauer erläutern. Ich hatte gefragt, warum Sie an dem Symbol der jungfräulichen Geburt festhalten? Damit hatte ich keinen Zweifel an der theologischen Aussage geäußert, die sich hinter diesem Symbol verbirgt. Ich hatte lediglich gefragt, warum es denn heute immer noch dieses Symbol sein muss.

Das Symbol der Jungfrauengeburt war in Altägypten gebräuchlich und in diesem historischen Kontext wurde es offensichtlich auch von jedermann unmittelbar ohne belehrende Erläuterungen verstanden. Tillich hat mich überzeugt, dass ein solcher antiker Symbolgebrauch sinnvoll war. Für Tillich ist ein Symbol, welches man erst einmal erläutern muss, kein Symbol mehr, sondern nur ein verabredtes äußerliches Zeichen für irgend etwas. Das überzeugt!! Verzeihen Sie mir diese Satire: Ein verabredtes äußerliches theologisches Zeichen könnte beispielsweise "XQP" sein und man müsste dann erläutern, welche theologische Aussage mit dem angeblichen Symbol "XQP" gemeint ist. Das kann es doch wohl nicht sein, oder?

Auch heute werden Symbole benutzt, die jeder versteht. Ein Notenschlüssel ist beispielsweise ein in der Öffentlichkeit benutztes grafisches Symbol, bei dem jeder sofort spürt (!!), dass das etwas mit Musik zu tun hat. Symbole sind also ein Sache des gefühlsmäßigen Verstehens. Sie werden zu einer beliebigen Zeichensprache, wenn zum Verstehen des x-beliebigen Zeichens erst kluge Erläuterungen erforderlich sind. Nach dem Motto: mit dem X meine ich hier das Y.

Ein Beispiel: Bei einem Dasia-Zeichen werden nur wenige Eingeweihte wissen, dass dies auch mit Musik etwas zu tun hat. Ich muss Ihnen jetzt nicht erläutern, was ein Dasia-Zeichen ist, denn es ist nur ein Beispiel für ein total veraltetes grafisches Symbol. Das Dasia-Zeichen löst normalerweise heute nicht die Assoziationen aus, die es im Mittelalter auslöste. Als allgemein verständliches Symbol hat das Dasia-Zeichen deshalb seine Kraft verloren und es würde zeimlich sinnlos sein, einer heutigen Gesellschaft, die inzwischen andere musikalische Symbole benutzt, die völlig aus der Mode gekommenen Dasia-Zeichen wieder zu verordnen. Das Dasia-Zeichen macht nur Sinn im historischen Kontext und hat heute als Symbol für unterschiedliche Tonhöhen keine Relevanz mehr. Das Dasia-Zeichen ist für die allgemeine Praxis also völlig überflüssig und ist lediglich ein historisch interessantes Phänomen, mit dem sich Historikter und Spezialisten beschäftigen.

Vermutlich habe ich Sie jetzt damit genervt, dass ich so lange auf dem Thema des Dasia-Zeichens herumgeritten bin. Ab er mir ist es sehr bewusst, dass man nervt, wenn man derartige - sprachlich ausgestorbene und unverständliche -Symbole benutzt, die nur Eingeweihte verstehen. Ebenso ist es bei dem altägyptischen Symbol der Jungfrauengeburt.

Ist es nicht ziemlich daneben, die wertvolle Zeit des Konfirmationsunterrichtes mit der Erläuterung von altägyptischer Symbolik zu vergeuden? Auch das erinnert mich an einen Musikunterricht, in welchem den jungen Leuten etwas über die Dasia-Zeichen erzählt wird. Das krampfhafte Festhalten an einer symbolhaften Uralt-Sprache, die nicht mehr die heutige Sprache ist und die damit verbundenen notwendigen "Erläuterungen" machen das Christentum zu einer Wissenschaft, die nur mit Hilfe eines speziellen Fachvokabulars zugänglich ist.

Bonhoeffer äußert sich in einem Brief an Bethge vom 5. Mai 1944 zu diesem Problem, denn beim Credo sei jede Aussage, Jungfrauengeburt, Trinität oder was immer "ein gleichbedeutsames und -notwendiges Stück des Ganzen, das eben als Ganzes geschluckt werden muß oder garnicht. DAS IST NICHT BIBLISCH." (Quelle: WE 415, Hervorhebung im Zitat von mir)

Ich stimme mit Bonhoeffer überein, dass der Umgang der protestantischen Kirche mit der historischen Credo-Problematik nicht biblisch ist, also nicht der jüdisch-christlichen Tradition entspricht. Auch der Glaube an die "sancatam ecclesiam" ist aus nachvollziehbaren Gründen abhanden gekommen. Deshalb sollte eine Kirche von den selbstherrlichen Deutungen in Sachen Christentum (Glaubenskurse mit "Erläuterungen") Abstand nehmen. Ich brauche keine belehrenden Kurse für das, was mich unbedingt angeht.