Ist Gott wirklich allmächtig?

Gefragt von Doris Käser
Ist Gott wirklich allmächtig?

© Mike Lewinski/Unsplash

Sehr geehrtes Theologenteam!
Angesichts der Pandemie wird auch die Theodizee-Frage neu gestellt und diskutiert. Ich sehe eher das Problem, wie wir uns die Allmacht Gottes in der Gegenwart vorstellen können. Es fällt mir zunehmend schwer, zu einem allmächtigen Gott zu beten. Wie passen die Attribute Liebe, Gerechtigkeit und Allmacht zusammen? Wie kann uns Gott Tsunamis, Erdbeben und andere Katastrophen zumuten, die die Schwächsten treffen? Hat uns Gott in die Freiheit entlassen, die wir nicht beherrschen?
Herzlichen Dank für Ihre Antwort!

Liebe Doris,

für viele von uns die liegt Frage nah: „Warum lässt Gott das zu?“ Jetzt, da auch noch die Schäden der Flutkatastrophe sichtbar werden, ist die Frage wirklich zugespitzt. Das Elend ist im Moment übermächtig. Ja, es fällt schwer mit einem liebenden Gott zu rechnen, wenn wegen heftiger Regenfälle Menschen sterben müssen.

Die Theodizee-Frage wurde von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erstmals beantwortet. Gott, so Leibnitz, hätte eine unendliche Zahl anderer Welten erschaffen können. Da Gott allmächtig ist, kann unsere Welt, die er erschaffen hat, nur die beste aller möglichen Welten sein. Die Tatsache, dass diese Welt nicht vollkommen ist, widerspricht nicht der Vollkommenheit ihres Schöpfers. Denn die Welt kann gar nicht vollkommen sein, sie ist mit ihrem Schöpfer nicht identisch. Gott aber ist vollkommen.

Nun, das klingt etwas theoretisch. Wichtig ist aber: Leibniz unterscheidet zwischen dem allmächtigen Schöpfer und der Schöpfung, die eben nicht mit Allmacht ausgestattetet ist. Gerade wenn Naturkatastrophen und die Pandemie unschuldige Menschen treffen, dann bleibt es Aufgabe der Menschen, die anderen Menschen und die Geschöpfe zu schützen.

Diese Antwort auf die Theodizee-Frage entstand 1755 nach einem schweren Erdbeben mit verheerendem Tsunami und anschließendem Stadtbrand in Lissabon. Sie mündet in den Gedanken ein, dass diese Katastrophe auch eine Erfahrung in sich trägt, aus der wiederum Gutes entstehen kann. Genau das erleben wir jetzt in den Flutgebieten. Es gibt immer wieder Hilfebereitschaft und es wird hoffentlich nicht an konkreten Plänen mangeln, künftige Katastrophen zu verhindern.

Die Idee von Gottes Allmacht ist für mich immer dem Gedanken verbunden, dass Gott mir nur dann nah sein kann, wenn er nicht allmächtig auftritt. Es ist wie mit einem Blick in die Sonne. Das reine Licht würde mich, sähe ich direkt in die Sonne, erblinden lassen. So direkt würde ich die unmittelbare Berührung mit Gotte ganzer Allmacht kaum überstehen. Darum: Gott beschränkt seine Allmacht und offenbart sich in dem Bereich, in dem ich seine Allmacht auch - wenn auch nur bruchstückhaft - fassen kann.

Die Bibel verzichtet auf die theoretische Betrachtung der Allmacht Gottes. Sie weiß, Gott lässt den Mörder Kain am Leben (siehe: Genesis 4,1-16), er offenbart sich im Säuseln des Windes (1. Könige 19,12), er wird zum Menschen, wird in einem Stall geboren (Lukas 2), er teilt das Menschenleben, heilt, segnet, hilft. Er hat selbst in seinem Sterben noch Mitleid mit dem Verbrecher (Lukas 23,39-43). Er teilt das Gebet jedes leidenden Menschen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,2; vgl. Matthäus 27,46; Markus 15,34). So gibt er den Ohnmächtigen Menschen Hoffnung. Es gibt in jedem Funken Hoffnung, in jeder Sehnsucht, auch im Erschrecken Hinweise auf den allmächtigen Gott. Der entfaltet seine Macht als mitleidender und tröstender Gott.  

Dass der allmächtige Gott in der Lage ist, mit den Menschen mitzuleiden, hilft mir in diesen Tagen sehr. Denn ich erlebe Gott an der Seite der Menschen, die nicht weiterwissen. Und Gott hat uns Mitleid gelehrt. Der Rheinische Präses Dr. Thorsten Latzel hat ein Gebet geschrieben, vielleicht mögen Sie es auch beten. Ich bin davon überzeugt, der Allmacht Gottes beim Beten am nächsten zu sein.

Flut-Gebet

Gott, die Wasser haben mir auch die Worte weggespült.
Das Leid, das Menschen gerade geschieht, ist so unfassbar,
dass ich selbst beim Klagen nicht weiß, wo anzufangen.
Bei denen, die ertrunken sind? Bei den Vermissten?
Wir wissen selbst heute noch nicht einmal, wie viele.
Bei denen, die ihr Haus, ihr Geschäft, alle ihre Lebenserinnerungen verloren haben?
Mit der eigenen Wohnung haben viele zugleich ihre Heimat, ihr Vertrauen verloren.
Gott, Du weißt um die Not, für die uns die Sprache fehlt.
Um die vielen Tränen, die dennoch nicht reichen, und die ungeweinte Trauer.
Gott, schenk uns die Kraft jetzt für einander da zu sein.
Einander festzuhalten, wo unser Grund und Halt weggespült wurde.
Gott, gib uns Mut, wieder aufzustehen. Gegen Schlamm und Schutt.
Lass uns für einander Trösterinnen und Hoffnungsbringer sein.
Gott, hilf uns umzugehen mit dem, was wir nicht verstehen.
Und hilf uns so zu leben, dass sich solche Katastrophen nicht vermehren.
Sprich Du selbst Amen, wenn wir es nicht mehr können. (T. Latzel)

Viele Grüße, sendet Ihnen Ihr Henning Kiene

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