Ist Gott männlich, aber asexuell?

Gefragt von Timo Tiefmann

Hallo Frau Scholl,
ist Gott männlich, aber auch asexuell? Gibt es Hinweise in der Bibel?
Timo

Lieber Timo, 

herzlichen Dank für Deine Frage. Das Bild von Gott als einem alten Mann, am besten noch mit Bart, ist in vielen Köpfen fest verankert. Dabei wird oft vergessen, dass es eben ein Bild ist. Gott lässt sich auf kein Geschlecht festlegen. Vielmehr ist die Ewige großer und allumfassender als diese Kategorien. Dennoch können wir nicht anders als in Bildern von Gott zu sprechen, die oft männlich oder weiblich sind. 

Von der Bibel eine verlässliche Antwort über das Geschlecht Gottes zu erwarten ist problematisch. Die Texte sind in patriachalen Gesellschaften entstanden, also solchen, in denen Männer das Entscheidende zu sagen hatten. Dass in solchen Gesellschaften männliche Gottesbilder entstehen ist zu erwarten und hat mehr mit dem Selbstbild derer zu tun, auf die dieses Gottesbild zurückgeht, als mit Gottes Sein selbst.

Auffällig sind solche Stellen in der Bibel, wo diese männliche Festlegung aufgebrochen wird. In Hos 13,8 ist beispielsweise die Rede davon, dass Gott  sich wie eine Bärenmutter zornig gegen alle wendet, die ihren Jungen Böses antun wollen. In Jesaja 42,14 ist davon die Rede, dass Gott schreit wie eine gebärende Frau. Die Bibel kennt also durchaus auch die weibliche Seite Gottes. 

Wir brauchen Bilder, um eine Beziehung zu Gott aufbauen zu können und uns Gott zuzuwenden. Zentrale Texte der Kirche wie etwa das Vaterunser haben dazu geführt, dass das lange Zeit mit männlichen Bildern geschehen ist. An diesem Bild Gottes als Vater kann man sehen, dass diese Bilder auch problematische Seiten haben. Jemand, der ein gutes Verhältnis zu seinem eigenen Vater hat, wird so gut zu Gott beten können. Jemand, die ein schwieriges Verhältnis zu ihrem eigenen Vater hat, wird vielleicht Schwierigkeiten mit diesem Bild haben. Wir brauchen also eine Fülle ganz verschiedener Bilder, um von und mit Gott zu sprechen. 

Als Pfarrerin ist mir immer wieder wichtig, im Gottesdienst nicht nur männliche Bilder zu verwenden, sondern eine Vielzahl verschiedener, auch weiblicher. Gott wird immer noch größer und allumfassender sein als die Kombination dieser Bilder, aber zumindest wird so deutlicher, dass wir es immer mit Bildern zu tun haben. 

Du fragst Dich zudem, ob Gott asexuell ist. Der Prophet Hosea bezeichnet Gott als betrogenen Liebhaber (Hosea 2,7) und legt damit ja irgendwie nahe, dass Gott so etwas wie sexuelle Begierde empfinden würde. Auch das ist wieder ein Bild. In diesem Fall eines, dass Gottes Eifern um sein Volk Israel beschreiben soll, das sich anderen Göttern zugewandt hat. Dass Gott selbst erotische Gefühle hat, ist für mich schon deshalb nicht denkbar, weil Sexualität ja voraussetzt, dass da ein anderer ist, von dem ich mich sexuell angezogen fühle. Meines Erachtens lässt sich Gott nur allumfassend denken. Wenn ich zu Gott bete, spreche ich zwar, als würde ich mich einem Gegenüber zuwenden, aber im Grunde wende ich mich einer Kraft zu, deren Teil ich selbst bin. Das klingt jetzt ein wenig kompliziert. Einfacher gesagt: Es gibt einfach nichts außerhalb von Gott, zu dem oder der sich Gott sexuell hingezogen fühlen könnte. Wohl sind aber gehören Erotik und Sexualität zu Gott, sie gehören ja zu uns Menschen und damit in seine Schöpfung. 

Das war jetzt eine lange Antwort auf eine kurze Frage. Ich hoffe, ich konnte Dir weiterhelfen. 

Herzlich

Katharina

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