Evangelische und Nationalsozialismus

gestellt von Matthias Moser am 15. Juni 2013
Relief in der Vorhalle der evangelischen Martin-Luther-Gedächtniskirche im Berliner Stadtteil Mariendorf  mit NS-Symbolen. Viele Protestanten waren für den nationalsozialistischen Staat besonders empfänglich.

© epd-bild / Marko Priske

Relief in der Vorhalle der evangelischen Martin-Luther-Gedächtniskirche im Berliner Stadtteil Mariendorf mit NS-Symbolen. Viele Protestanten waren für den nationalsozialistischen Staat besonders empfänglich.

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

die Zeit des Nationalsozialismus ist mit Sicherheit eines der dunkelsten Kapitel des deutschen Protestantismus. Bekanntlich war unter den Protestanten die Zahl derjenigen, die die NSDAP wählten, höher als unter den Katholiken. Ich frage mich immer wieder: Was gab es für Gründe, dass gerade unter den Protestanten nationalistisches und antidemokratisches Denken relativ verbreitet war? Warum konnten sich viele von ihnen nicht für die Weimarer Republik begeistern?

Gibt es hierzu vielleicht tiefergehende Literatur? Vielen Dank für Ihre Auskunft.

Sehr geehrter Herr Moser,

auch wenn mir nicht bekannt ist, dass die Zahl der NSDAP-Wähler unter den Protestanten höher war als unter den Katholiken, kann ich mir doch einen Reim darauf machen. Dazu muss ich allerdings ein wenig ausholen.

Das Verhältnis von Staat und Kirche bzw. von "kirchlichem und weltlichem Regiment" war in Deutschland bereits im Mittelalter ein anderes als im Rest der christlichen Welt. Die deutschen Kaiser haben schon im sogenannten Investiturstreit im 11. Jahrhundert deutlich gemacht, dass sie – anders als die Papstkirche – der Ansicht waren, die weltliche Macht werde den weltlichen Herrschern direkt von Gott verliehen. Der römischen Ansicht nach, wurde die weltliche Macht durch die Kirche (also durch das kirchliche Regiment) an das weltliche Regiment übertragen.

Während der Reformation wurde dieser Streit zugespitzt, weil sich die verschiedenen Fürstentümer gegen die Vorherrschaft Roms wandten und darin durch die reformatorische Theologie unterstützt wurden. Die Obrigkeit, welche auch immer, war im deutschen Protestantismus eine direkt von Gott gegebene. Auch wenn Luther selbst nie davon sprach, so entwickelte sich doch aus seinen Schriften die sogenannte "Zwei-Reiche-Lehre", die letztlich auch in der Bekenntnisschrift der Protestanten (der Confessio Augustana) aufgenommen wurde. Dort steht (Artikel 16): "Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment wird gelehrt, dass alle Obrigkeit in der Welt und geordnetes Regiment und Gesetze gute Ordnung sind, die von Gott geschaffen und eingesetzt sind."

Im 19. Jahrhundert kam es darüber hinaus zu einer ausgesprochen nationalistischen Rezeption Luthers. Deutschlands besondere Struktur, die durch die verschiedenen Fürstentümer und die sich daraus entwickelnden protestantischen Landeskirchen geprägt war, führte nun in der Zeit des Nationalsozialismus dazu, dass der Katholik Hitler wohl einerseits einen Staats-Kirchen-Vertrag (das sogenannte Reichskonkordat) mit Rom schloss, in dem das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Deutschen Reich geregelt wurde, andererseits wurden keine Verträge mit den verschiedenen evangelischen Landeskirchen geschlossen. Stattdessen wurde versucht, eine protestantische Reichskirche durchzusetzen. Diese im Grunde genommen neue Kirche stand der Gleichschaltung sehr offen gegenüber, weil sie sich von vornherein aus regimetreuen Geistlichen zusammensetzte.

All dies kann man als Gründe anführen, wenn man sich fragt, warum viele Protestanten für den nationalsozialistischen Staat besonders empfänglich waren.

Bitte bedenken Sie jedoch, dass ich hier die Vielzahl der Faktoren nur sehr ausschnitthaft beschreiben kann. Ich bin Ihnen darum für Ihre Frage nach weiterführender Literatur dankbar, denn die ist in der Tat notwendig, wenn man sich ein vollständiges Bild verschaffen möchte. Ich empfehle Ihnen als die Lektüre das ausgesprochen gründliche Werk von Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich, Band 1, Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-194, Berlin 1977.

Herzliche Grüße,

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Ein Experte in diesen Fragen ist Jürgen W. Falter, ein Historiker der sich nach der Zusammensetzung der Wählerschft der NSDAP erkundigt. In der Tat lag der Stimmanteil der Protestanten deutlich höher, jedoch gleicht sich dieser ab 1934 immer mehr an. Zumal muss nochbedacht werden das im weimarer Deutschland 2/3 der Bevölkerung evangelisch waren.

Zielführender ist vielleicht die Frage, warum der NS-Wähleranteil unter den Katholiken anfangs _geringer_ war. Dafür muss man gar nicht bis zur Reformation ausholen. Die katholische Kirche hatte im 19. Jh. mit dem "Ultramontanismus" eine starke politische Schlagseite, und die protestantischen Preußen und damit auch das dt. Kaiserreich fremdelten mit den Katholiken und ihrer Lebensart im Allgemeinen und mit diesen politischen Inhalten im Besonderen. Das Stichwort zum Weiterlesen dazu heißt "Kulturkampf". In diesem Zug entstand die "Zentrumspartei", die von den Kanzeln herunter heftig beworben wurde; es war für weite Teile der katholischen Milieus eine bare Selbstverständlichkeit, immer nur diese Partei zu wählen. Die evangelischen Deutschen hatten keine solche eindeutige politische Heimat, sondern haben sich auf den Rest der Parteienlandschaft verteilt, und dort dann auch den Nazis den Weg bereitet. Eine der Lehren der christlich geprägten Politiker nach dem Krieg war, keine solchen konfessionellen Parteien mehr zu gründen, und so kamen wir zur CDU (die heute von christlichen Werten allerdings nur noch im Namen und in Wahlkampfreden etwas wissen will und z. B. kalten Blicks Flüchtlinge ertrinken lässt).

Dass dieser Artikel den traditionellen evangelischen Antijudaismus gar nicht erwähnt, stimmt dagegen sehr bedenklich! Die sog. Zwei-Reiche-Lehre ja kann nicht erklären, weshalb die Protestanten die NSDAP in so großen Zahlen willkommen hießen. Vor 1933 gab es ja ebenfalls eine Regierung in Deutschland, die dann laut Confessio Augustana als "von Gott eingesetzt" gelten müsste. Historiker sprechen teilweise von einer "konservativen Revolution", die sich etwa von 1930–33 zugetragen hat – das widerspricht sogar der Zwei-Reiche-Lehre. Wenn die deutschen Protestanten lediglich besonders konservativ und monarchistisch gewesen wären, hätte ihr Beweggrund nicht in mehr und etwas anderem bestanden, als die sog. "Schmach von Versailles" zu beseitigen, dann hätten sie ja weiterhin die DNVP wählen können. Neben dem theologischen Antijudaismus dürfte ein weiterer Faktor die beengte nationale Perspektive sein, die im Vergleich zur internationaleren Ausrichtung des Katholizismus durchaus provinziell wirkt. Bestimmte naturrechtliche Konzeptionen ließen sich dann zu einer evangelisch-theologischen Rechtfertigung eines aggressiven Nationalismus verwenden. Als Beleg dafür, dass die deutschen Protestanten besonders verlässliche Wähler Hitlers waren, weise ich auf den Klassiker "Hitlers Wähler" von Jürgen Falter hin.