Revision der Lutherbibel 1984/2017

Gefragt von Susanne

Hallo Herr Bezold, bei der Revision der Lutherbibel 1984, wurde im Vergleich zur Lutherbibel 2017 einiges an Änderungen vorgenommen. Mich würde interessieren: Nach welchen theologischen Ansätzen wurden diese Änderungen vorgenommen? (Welche Gründe gab es für die Änderungen?) Und: Was bewog die, an der Revision beteiligten Theologen, insbesondere bei folgendem Bibelvers zur Änderung? Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und unverzagt seist. (Josua 1,9 Lutherbibel 1984) Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt? (Josua 1,9 Lutherbibel 2017) Ich habe mir da nicht einfach mal so einen Bibelvers herausgepickt. Bei diesem Vers handelt es sich um meinen Konfirmationsspruch. Und darum denke ich, seit der Herausgabe der Lutherbibel 2017, über den Grund der Änderung bei diesem Vers nach, und finde keine Antwort darauf. Ich hoffe sehr, dass Sie mir eine Antwort geben können. Herzliche Grüße Susanne

Liebe Susanne,

gut, dass Sie nachfragen und so genau hinsehen! Vor allem, wenn bei der Revision der Lutherbibel der eigene Konfirmationsspruch mitgeändert wird.

 

Dazu komme ich gleich zu Beginn: Im Falle Ihres Konfirmationsspruches (Jos 1,9) haben die ExpertInnen entschieden, sich näher am Hebräischen zu orientieren. Dort wird dieser Vers eindeutig als (rhetorische) Frage formuliert: „Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt?“ Inhaltlich ändert die rhetorische Frage wenig. Im Kontext des Kapitels und im Hebräischen ist es nun philologisch korrekt. In Jos 1,7 hat Gott Josua ja bereits zugesagt: „Sei getrost und unverzagt!“. In 1,9 ist es eine Wiederholung.

 

Für das Reformationsjubiläum haben mehr als 50 BibelwissenschaftlerInnen in fast zehn Jahren viele – vor allem kleine – Veränderungen vorgenommen. Die neue Revision ist dabei nicht „besser“ als andere Ausgaben oder unbedingt näher am Hebräischen/Griechischen. Sie ist vor allem ein Kompromiss zwischen zeitgemäßer Anpassung und Rückkehr zu Luthers ursprünglicher Sprache. Ein eigenes „theologisches“ Profil gab es während der Revision nicht. In vielen Kleingruppen haben ExpertInnen lange darum gerungen, ob man sich eher für die genaueste Übersetzung oder für Luthers Sprachkraft entscheiden soll. In etwa 40% der Verse des Alten und Neuen Testaments gab es dabei Veränderungen, aber nur in fünf Prozent aller Wörter. 

 

So wurden sehr viele Kleinigkeiten aufgrund neuester Forschungsergebnisse korrigiert. Zum Beispiel ist das Material, mit dem Gott das Volk Israel richtet, jetzt Zinn und nicht mehr Blei (in Amos 7,7). So hatte es Luther 1545 und alle weiteren Revisionen übersetzt. Man hat herausgefunden, dass Zinn zur Legierung von Waffen verwendet wurde und philologisch an dieser Stelle besser passt. Im Neuen Testament ist es ab 2017 philologisch korrekt ein großes Beben bei Jesu Sturmstillung (in Mt 8,24), das die Wellen hervorruft. Nicht mehr ein gewaltiger Sturm. Diese Unterschiede fallen allerdings nur auf, wenn man den Bibeltext sehr genau kennt. Die meisten Textstellen sind unverändert geblieben. Trotzdem ist es natürlich gut zu wissen, dass man den Text an den neuesten Forschungsstand angepasst hat.

 

Dazu hat man versucht, sehr schwer verständliche Begriffe durch modernere auszutauschen. Zum Beispiel wurde aus der Wehmutter eine Hebamme. Außerdem schreit der Hirsch im Psalm 42 jetzt und lechzt nicht mehr. Manche geübte BibelleserInnen bedauern diesen Schritt vielleicht und vermissen an der einen oder anderen Stelle den ihnen vertrauten Text. Gleichzeitig ist die neue Übersetzung deshalb häufig eine Stärkung von Luthers älterer Übersetzung. Sozusagen eine „Revision“ der Revision. Der Prophet Ezechiel berichtet im 3. Kapitel beispielsweise von einer Reise durch die Himmel. Luther übersetzte 1545: „Und ein Wind hob mich auf.“ Die letzte Revision von 1984 entschied sich für das stärker theologisch aufgeladene „Und der Geist hob mich auf.“ Die neue Übersetzung „Ein Wind hob mich empor“ klingt sowohl ein wenig altertümlicher und orientiert sich wieder an Luthers ursprünglicher Wortwahl.

 

Ich hoffe, das erklärt einige Tendenzen der neuen Lutherrevision! Nun wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Entdecken alter und neuer Veränderungen! „Sei getrost und unverzagt!“

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

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