Beten, aber was?

gestellt von Marco am 17. Juni 2018
Gebet im Alltag

Foto: Getty Images/iStockphoto/palidachan

Lieber Herr Muchlinsky,
mich beschäftigt seit einiger Zeit die Frage nach dem Inhalt meiner Gebete.
Ausgangspunkt war für mich die Aussage Jesu: "Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden" (Mt. 6,7).
Andererseits gibt es doch oftmals das Bedürfnis Gott alles anzuvertrauen, was mich bewegt, glücklich macht oder besorgt? Soll ich dabei eine bestimmte Form(el) oder eine Art "Gliederung" befolgen?
Und: Kann ich das Gebet nicht ebenso als bloße Anwesenheit vor Gott in der Stille begreifen?
Und wie verhält es sich mit vorformulierten Gebeten (bspw. aus dem EG), sind diese auswendig zu lernen oder hat es die gleiche "Qualität", diese betend abzulesen?
Über Ihre Antworten rund um diese Fragen, würde ich mich freuen.
Liebe Grüße
Marco

Lieber Marco,

die Mahnung, die Jesus in der Bergpredigt ausspricht, und die Sie zitieren, bezieht sich nicht auf das Gebet, das man allein und in der Stille zu Gott spricht. Es geht ihm darum, sich nicht öffentlich hinzustellen und möglichst viel und demonstrativ lange zu beten, so als gäbe es eine Art Meisterschaft zu gewinnen. Ansonsten ermutig Jesus schließlich sehr dazu, Gott immer und immer wieder zu "behelligen". Nehmen Sie nur die Gleichnisse von der Witwe, die immer wieder einen Richter mit ihrem Anliegen "nervt" (Lk 18,1-8). Jesus sagt, dass wir genau so hartnäckig beten sollen.  Oder nehmen Sie das Gleichnis von dem Menschen, der mitten in der Nacht seinen Freund aus dem Bett holt, weil er Besuch bekommen hat und Brot braucht. Das steht im Lukasevangelium direkt hinter dem Vaterunser (Lk 11,1-8). Beides ist eine Antwort auf die Frage, die die Jünger Jesus stellten: "Herr, lehre uns beten!" (Vers 1)

Jesus ermutigt also dazu, sowohl in immer wieder gleichen Worten (wie eben mit dem Vaterunser) zu beten, als auch mit dem, was uns gerade beschäftigt. Im Grunde sagt Jesus: "Seid dreist!" Darum bin ich der festen Überzeugung, dass man Gott gegenüber im Gebet nichts falsch machen kann. Die "Qualität" des Gebetes ist keine, die mit einem allgemeinen Maß gemessen werden kann. Man kann nicht sagen: Wenn ich so oder so bete, steigt die Qualität oder sie sinkt. Vielmehr kann ein Gebet dadurch eine unterschiedliche Qualität haben, dass es möglichst angemessen ist. Und ob ein Gebet angemessen ist, entscheidet sie Situation der oder des Betenden.

Wenn Sie stille sind, ist es angemessen, auch still zu beten. Wenn Ihnen die Worte fehlen, ist es angemessen, sich vorformulierte Worte zu leihen. Wenn Sie mit anderen beten, können auswendig gelernte Gebete die Gemeinschaft untereinander und mit Gott betonen. Beten ist direkter Kontakt mit Gott. Wer in Kontakt mit anderen Menschen tritt, sollte dabei möglichst er oder sie selbst sein. Dasselbe gilt für den Kontakt mit Gott. Sein sie, wie Sie sind. Reden oder schweigen Sie, wie Ihnen zumute ist. So einfach kann das sein.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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