Müssen Frauen im Gottesdienst eine Kopfbedeckung tragen?

gestellt von anonym am 6. September 2018
Frau mit hochgesteckten Haaren in Kirche

Foto: LordRunar/istockphoto/Getty Images

Lieber Herr Muchlinsky,

in 1. Korinther 11,3-6 steht etwas über die Kopfbedeckung der Frau. Ich verstehe das nicht ganz bzw. möchte mal Ihre Meinung dazu wissen.

Mich beschäftigen folgende Fragen:
- muss die Frau lt. Bibeltext heutzutage in der ev. Kirche / beim Beten ein Kopftuch tragen, weil sonst Gott entehrt wird?
- was ist mit Frauen, die kurze Haare haben? Entehren die dann Gott?

Ich habe noch nie eine christliche Frau in der ev. Kirche gesehen, die ein Kopftuch trägt. Wie ist der Text zu verstehen? Und warum sagt Paulus am Ende, er kenne so etwas nicht und die christlichen Gemeinden auch nicht (worauf bezieht er sich mit dem Satz?)?

Danke für Ihre Antwort!

Liebe Grüße

Liebe anonym,

wie jeder Brief hat auch der 1. Korintherbrief einen Verfasser (Paulus), Empfänger (die Gemeinde in Korinth) und eine Situation, in der er geschrieben wurde. Über die können wir häufig nur Vermutungen anstellen, denn fast alle Informationen, die wir haben, stammen aus den Briefen selbst. Darum werden Sie in meiner Antwort häufiger das Wort "anscheinend" lesen.

Paulus schreibt den Brief an die Gemeinde in Korinth, weil ihm anscheinend von einigen Vorkommnissen berichtet wurde, die in seinen Augen "Missstände" sind. Er will in seinem Brief auf diese Missstände hinweisen und sie möglichst unterbinden. An mehreren Stellen des Briefes wird deutlich, dass sich in der Gemeinde in Korinth eine "Alles geht"-Stimmung breit gemacht hat. Das ist verständlich, denn die befreiende Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus kann leicht so verstanden werden, als würde es überhaupt keine Grenzen mehr brauchen. Das führt anscheinend in Korinth zu einem religiösen Enthusiasmus, den Paulus für gefährlich und falsch erachtet.

In Kapitel 11 befasst sich Paulus mit dem Gottesdienst und dem, was seines Erachten dort alles schief läuft. Wie es aussieht, haben sich die Korinther angeschickt, sich nicht mehr an die üblichen gesellschaftlichen Regeln zu halten, die in einer griechischen Stadt gelten sollten. Die Männer lassen sich ihre Haare lang wachsen, die Frauen tragen sie offen und nicht, wie es sie Sitte wollte, hochgesteckt. (Ich folge hier der Anmerkung der Zürcher Bibel: "ihr Haar nicht aufgesteckt hat": Der griechische Ausdruck 'mit unverhülltem Haupt' bezieht sich vermutlich weder auf ein Kopftuch noch auf einen Schleier, sondern auf die Art und Weise der Haartracht: Die Frauen sollen nicht mit gelöstem Haar am Gottesdienst teilnehmen (wie das in verschiedenen ekstatischen Kulten der Fall war). Hier der Link zu der entsprechenden Stelle in der Zürcher Bibel.)

Paulus geht es in seiner Argumentation also vor allem darum, dass sich die Leute in der Gemeinde von Korinth an die üblichen Sitten halten. Beinahe amüsant ist dabei, dass Paulus in seinen Argumenten ins Stolpern gerät. Die griechische Sitte ist, dass die Männer den Frauen übergeordnet sind. Das versucht Paulus mit einem Bezug auf die Schöpfungsgeschichte auch christlich zu begründen (Verse 7-9). Dann aber argumentiert er wieder ganz entgegengesetzt dieser Unterordnung. (Verse 11 und 12) Hier macht er deutlich, wie gleichberechtigt beide sind.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen deutlich machen, dass dieser Ausschnitt der Bibel ausgesprochen situationsbedingt geschrieben wurde. Paulus wollte anscheinend einerseits, dass sich seine Gemeinde an die griechischen Sitten hält (Haare hochstecken, Männer kurze, Frauen lange Haare und so weiter), andererseits wollte er die christliche Besonderheiten (Frauen beten und predigen im Gottesdienst wie Männer, alle sind von einander und von Gott abhängig) betonen. Und was den letzten Satz in Vers 16 angeht, so möchte ich gern den Kommentar zur Züricher Bibel zitieren: "Der abschließende Satz (1) zeigt, dass Paulus von der eigenen Argumentation nicht unbedingt überzeugt ist." (Erklärt, Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Bd. 3, Zürich 2010, S. 2387.)

Und heute? Wenn wir Paulus folgen wollten, müssten wir sagen: Im Gottesdienst sollte es so zugehen, wie es der Gesellschaft angemessen ist, in der wir den Gottesdienst feiern. Wenn Frauen also im Osten Europas Kopftuch tragen, dann weil das so üblich ist. Wenn sie es in Mitteleuropa eher nicht tragen, dann aus demselben Grund. Wenn bei uns Frauen die Haare kurz oder lang tragen, dann tun sie das auch im Gottesdienst. Wir kommen da zusammen als die, die wir auch im Alltag sind, nur eben, dass wir miteinander besonders gut umgehen sollen und Gott die Ehre geben.

Ich grüße von Herzen!

Frank Muchlinsky

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