Kann ich als Christ Heavy Metal hören?

gestellt von Christoph Gauthier am 20. Februar 2019
Heavy Metall Musiker

Foto: Onradio/iStockphoto/Getty Images

Hallo, ich heiße Christoph, bin 20 Jahre alt, weiß aber gar nicht, wie ich anfangen soll. Es geht um einen riesigen Gewissenskonflikt. Zu mir: Ich lese die Bibel, glaube an Gott, bin aber kein streng praktizierender Christ und ich liebe Heavy Metal. Vorwiegend Sachen wie Slayer, Metallica, Megadeth, usw. Jetzt geht es aber hauptsächlich um Slayer. Falls Ihnen diese Band etwas sagen sollte, dann wissen Sie, dass die Texte sehr antichristlich eingestellt sind. Achte ich auf die Texte bei Slayer, dann bereitet es mir oft Bauchschmerzen, gleichzeitig habe ich aber eine riesige Sympathie zu der Band aufgrund des unverwechselbaren Sounds. Bin ich ein schlechter Christ, wenn ich diese Art der Musik höre und teilweise auch in meinem Eifer mitsinge oder kommt es da auf meine persönliche Sichtweise zum Thema an? Diese Frage brennt mir wirklich auf der Seele.

Hallo Christoph,

Im Heavy Metal geht es ja immer um Rebellion und Provokation. Je lauter, je extremer, desto krasser und besser ist die Band. Und gerade Satanismus gehört ja – auch dank Slayer – zum „guten Ton“ im Metal. Gerade Slayer waren ja Mitte der 80er-Jahre das bekannteste Extrem. Extrem schnell, extrem laut, extrem böse. Mit Langnieten und umgedrehten Kreuzen prägten sie Bühnenbilder, Logos und überhaupt das Erscheinungsbild der extremen Metal-Szene sehr.
Und dazu gehört eben auch, dass die Bands textlich besonders gegen Alles austeilen, was in ihren Augen gut, brav, bürgerlich und bieder ist. Und auf dieser Liste stehen der christliche Glaube und die Institution Kirche weit oben. Ich glaube aber auch, dass viele der Texte eher Show und Attitüde sind als gelebte Überzeugung. Beispielsweise fand die gesamte Band das Cover-Artwork zum Album „Reign in Blood“ furchtbar schlecht. Erst, als die Mutter eines Bandmitglieds das Bild als „abscheulich“ bezeichnete, beschlossen sie, es tatsächlich als Cover zu verwenden.
Ich glaube, in antichristlichen Texten arbeiten sich Bands häufig an einem überzogenen Bild des Christentums ab. Häufig haben die Texter*innen ein fundamentalistisches Christentum amerikanischer Prägung vor Augen. Einfache Unterstellungen wie „ihr Christen glaubt alles, weil ihr dumm seid und nichts wisst“ sind in antichristlichen Texten die Regel. Die Unterscheidung von glauben als „vertrauen auf..“ und glauben als „für-wahr-halten bestimmter Fakten“ geht in der plakativen Provokation häufig unter. Daher gehen viele Liedtexte auch in ihrer Kritik an meinem Glauben weit vorbei. Denn Glauben ist für mich eben vor allem vertrauen auf Gott und nicht so sehr ein für-wahr-halten bestimmter Dinge oder Geschichten.
In Interviews mit Sängern und Textern von Metalbands wird ja häufig deutlich, dass die Mitglieder von Metalbands durchaus an etwas glauben im Sinne von „vertrauen auf...“. Dave Mustaine von Megadeath beispielsweise bezeichnet sich selbst als „Born Again Christ“. In unsere „europäische Kirchenlandschaft“ übersetzt gehört er zu einer Freikirche.
Tom Araya von Slayer sagt von sich selbst, er sei gläubiger Katholik. Er lehnt die Inhalte der Texte der frühen Slayer-Alben (die Gitarrist Jeff Hanneman geschrieben hat) ab. Das hindert ihn aber nicht daran, die Texte trotzdem zu performen: Er vollzieht die in der Popkultur wenig beachtete Distanzierung zwischen Leben und Werk eines Künstlers, zumal die Texte ja auch nicht von ihm sind. Daher ist es ihm möglich, die Texte zu singen und sich in seinem Glauben nicht verunsichern zu lassen. Bei jedem Konzert schlüpft er in die Rolle des Sängers der Metalband Slayer, die sich von der Privatperson Tom Araya in mehreren Punkten deutlich unterscheidet.
Zurück zu Ihrer Ausgangsfrage: Bin ich ein schlechter Christ, weil ich Slayer höre?
Aus ihren Gedanken höre ich eine große Liebe zur Musik einerseits, eine große Distanz zu den Texten der Band andererseits. Also sind Sie sich der Thematik sehr bewusst und setzen sich damit ja kritisch auseinander. Das ist eine gute Sache. Ich glaube nicht, dass sich das Christsein an Dingen wie Musikgeschmack oder ähnlichen Geschmacksfragen entscheidet. Wenn ich für mich spreche, dann so: Mein Vertrauen auf Gott, mein Glaube, geht tiefer als die oberflächliche Provokation in Liedtexten und Albumcovern. Wenn ich das klar habe, dann kann ich sogar mal einen Text von Slayer mitgrölen, ohne dabei hinter jeder Zeile explizit zu stehen.

Herzliche Grüße,
Jonathan Overlach

 

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