Darf man als Christ abschreiben?

gestellt von Theo am 20. Juni 2019

Ist abschreiben oder abgucken in Prüfungen als unchristliches Verhalten zu sehen nach Psalm 101,7: "Falsche Leute dürfen in meinem Hause nicht bleiben, die Lügner bestehen nicht vor mir."?

Lieber Theo, 

mir fallen bei der Frage nach abgucken und abschreiben zu allererst die 10 Gebote ein, die Mose von Gott am Berg Sinai empfangen hat. Dazu passen v.a. zwei Gebote, finde ich. 

"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." 

UND

"Du sollst nicht stehlen."

Wenn Sie abschreiben, dann verwenden Sie Gedankengut als Ihr eigenes, was es eigentlich gar nicht ist. Sie stehlen es sozusagen. Das finde ich problematisch. Sie können darauf verweisen wo Sie das Gedankengut her haben (so macht man das in wissenschaftlichen Publikationen zum Beispiel), aber in der Schule, in einer Abschlussklausur zum Beispiel, ist das, fürchte ich, keine gute Idee. Denn dann zeigen Sie, dass Sie selbst nicht auf den Gedanken gekommen sind, sondern ihn nur kopieren und den Test damit nicht eigenständig bestehen können.

Hinzu kommt, wenn man Sie fragt, ob Sie abgeschrieben haben und Sie es dann leugnen, denn sonst wären Sie durch eine Prüfung ziemlich sicher durchgefallen, dann reden Sie falsch Zeugnis. Es geht aber noch einen Schritt weiter, denn das Entscheidende am "Falsch-Zeugnis-Reden" in den zehn Geboten ist, dass Sie "falsch Zeugnis wider Ihres Nächsten" sprechen. Es könnte sein, dass womöglich die Person, von der Sie abgeschrieben haben, des gleichen beschuldigt wird. Dann bleibt die Frage wer von wem abgeschrieben hat und Sie schaden damit dem/der Anderen - Sie reden also falsch Zeugnis wider/gegen Ihres Nächsten. Über die genaue Bedeutung der zehn Gebote und darüber, wie sie entstanden sind, können Sie hier gern noch mehr lesen. 

 

Um über die Textstelle auf die Sie verweisen, Ps 101,7, urteilen zu können, lohnt es sich im hebräischen Originaltext nachzuschauen. Es gibt im Hebräischen nämlich verschiedene Worte für "lügen". Dort in Ps 101,7 findet sich die hebr. Wurzel שׁקר šqr, die „betrügen“ bedeutet. Das Wort kommt eigentlich aus dem Vertragsrecht, wie Sie gut bei wibilex nachlesen können. Es kommt 24-mal im Psalter vor und stammt eigentlich aus dem Vertragsrecht der Zeit des Alten Testaments. Es geht also darum, dass diejenigen, die vor Gericht falsch aussagen und damit den Prozess behindern, so dass womöglich ein Unschuldiger verurteilt wird, nicht in Gottes Haus bleiben dürfen.

Wenn Sie nun also in der Schule oder in einer anderen Prüfungssituation abschreiben oder abgeschrieben haben, dann denke ich ist das nicht mit einem Gerichtsprozess zu vergleichen. Gott wird Ihnen das Abschreiben vergeben - da bin ich sicher. Allerdings nur, wenn es nicht zur Gewohnheit wird. Auch Reue ist Gott wichtig. Versuchen Sie doch herauszufinden, warum Sie abgeschrieben haben. Waren Sie nicht gut vorbereitet oder hatten Sie einen Blackout? Dagegen gibt es gute Strategien um eine solche Situation auch ohne abschreiben zu meistern. 

Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute. 

Pia Heu 

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