Das Volk Israel - Verhältnis Christentum und Judentum

gestellt von Verona Rudersdorfer am 8. August 2019

Hallo,

ich war kürzlich auf einem Bibelseminar und dort wurde etwas gepredigt,
das ich noch nie gehört habe, obwohl ich evangelisch bin und auch im
Schulunterricht den evangelischen Religionsunterricht besucht habe.
Nun wollte ich wissen, ob dies im evangelischen Glauben grundsätzlich so gesehen wird,
wie es gepredigt wurde:

Es wurde gesagt, dass das Volk Israels als erwähltes Volk Gottes als Beispiel dafür gilt,
wie Gottes Segen und Fluch aussehen kann. Das Volk soll uns auf der Erde verdeutlichen,
wie schlimm die Hölle ist. Daher wurde betont, dass die Judenverfolgung im 2. Weltkrieg
Gottes Botschaft war, was passiert, wenn man auf den falschen Weg gerät (Jesus als Messias verleugnen). Die Strafen der Juden wären aber nicht so schlimm gewesen, wie es die Hölle sein wird.

Für mich klingt das total absurd. Glauben Christen das wirklich? Dass die Judenverfolgung
eine Warnung Gottes war, um zu zeigen, wie die Hölle ist? Ich habe das noch nie zuvor gehört
und wollte daher eine professionelle Antwort auf meine Frage erhalten.

Vielen Dank schonmal
Verona

Liebe Verona,

vielen Dank für Ihre Frage, die es gewaltig in sich hat. Zuallererst muss ich ganz deutlich sagen: NEIN! Christen glauben nicht, dass die Judenverfolgung eine Warnung Gottes war, um zu zeigen, wie die Hölle ist!!!! Ihr gesunder Menschenverstand und Ihre christliche Intuition hat sich bewährt und Sie aufhorchen lassen. Das ist gut!

Es geschieht leider immer wieder, dass ein schreckliches Ereignis wie der Holocaust instrumentalisiert und dadurch missbraucht wird. Gottes Gerechtigkeit lässt sich daran nicht festmachen. Auch die mittelalterliche Darstellung und Vorstellung, die sich an einigen Kirchengebäuden findet, dass die christliche Kirche der jüdischen Synagoge und Gemeinde überlegen sei, trifft keinesfalls die christliche Position in diesen Belangen.

Judentum und Christentum zählen zusammen mit dem Islam zu den drei abrahamitischen Religionen, d.h. sie beziehen sich auf Abraham als Stammvater. Deshalb teilen sie auch einige Schriften, die im christlichen Sprachgebrauch "Altes Testament" genannt werden. Ansonsten sind sie aber drei gleichwertige und verschiedene Religionen von denen keine besser oder überlegener ist als die andere.

Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir gemeinsam in (interreligiösem) Austausch und Kontakt zueinander stehen und uns stets über die Belange, die uns beschäftigen und betreffen, austauschen. Auf der Webseite der EKD finden sich einige Links und Hinweise zu Programmen und Projekten, die den christlich-jüdischen Dialog gezielt fördert. Schauen sie sich gern dort etwas um und lesen Sie sich in die Geschichte zwischen Judentum und Christentum ein.

Seien Sie weiterhin so wachsam und überlegen Sie kritisch, ob Sie alles so hinnehmen können, was Sie in einem Bibelseminar hören.

Pia Heu

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