Nächstenliebe

gestellt von Anonym am 26. August 2019

Liebe Frau Heu,

was bedeutet eigentlich Nächstenliebe?

Bedeutet es, dass man mit allen Menschen/Christen gut befreundet sein muss und jeden sympathisch finden muss?

Oder bedeutet es, dass man anderen Menschen mit Respekt und Toleranz begegnet? Also eher Hilfsbereitschaft gegenüber anderen?

Ich kann doch nicht jeden so mögen, wie meine Freunde oder meinen Mann? Muss ich jetzt mit jedem befreundet sein? Manche Personen sind mir unsympathisch - muss ich mich jetzt schlecht fühlen, weil die mir unsympathisch sind?

Danke für Ihre Antwort.

Hallo anonyme*r Fragenstellende*r,

das mit der Nächstenliebe das ist so eine Sache. Sie haben es genau richtig erfasst: was heißt das jetzt eigentlich für mich? Wenn man den Begriff wortwörtlich versteht, dann meint die Nächstenliebe eigentlich, dass man seinen Nächsten oder seine Nächste liebt. Daraus ergeben sich zwei wichtige Fragen:

1. Wer ist mein Nächster oder meine Nächste?

2. Was bedeutet "lieben"?

Schlecht fühlen, weil Sie jemanden unsympathisch finden, müssen Sie sich grundsätzlich nicht. Es ist ganz normal, dass Sie jemanden sympathischer finden als jemand anderen. Bei der Nächstenliebe geht es, so verstehe ich es zumindest, vielmehr um Umgangsformen. Indem ich zum Beispiel meinen Gegenüber, egal ob das am Arbeitsplatz, im Bus, auf der Straße, beim Wandern in den Bergen oder im Wartezimmer meines Hausarztes ist, als ein Geschöpf Gottes und damit als wertschätzungswürdig achte, bringe ich ihm/ihr Nächstenliebe entgegen. Ich verurteile niemanden, den ich sehe, aufgrund seiner äußeren Erscheinung und ich gebe jedem und jeder eine Chance mein Freud oder meine Freundin zu werden.

Sie verwenden die Begriffe Respekt und Toleranz in Ihrer Frage. Damit treffen Sie auf einer viel höheren und abstrakteren Ebene, was ich versuche mit Wertschätzung auszudrücken. Respekt, finde ich, passt sehr gut in diesem Kontext. Toleranz hingegen ist etwas sehr schwieriges. Es geht uns zwar leicht über die Lippen, aber so leicht in die Tat umzusetzen ist es nicht. Deswegen würde ich Toleranz nicht unbedingt zusammen mit Nächstenliebe verwenden, aber ich kann gut verstehen, wie Sie darauf kommen. Sicher ist Nächstenliebe die Grundlage für Toleranz - das denke ich schon, aber dass das eine das andere erklärt, glaube ich nicht.

Vielleicht können Sie aus meiner Antwort den einen oder anderen Denkanstoß mitnehmen. Das würde mich freuen.

Pia Heu

 

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