Warum brauchen wir verschiedene Konfessionen?

gestellt von Basti am 3. Juni 2020
Neue Wege gehen

©kallejipp/photocase

Guten Tag und Gottes Segen.

Meine Frage ist knapp und (vielleicht) auch etwas plump.
Aber: Warum brauchen wir verschiedene Konfessionen?
Ich bin 35 Jahre alt, Christ und kenne natürlich die Unterschiede zwischen der Kath. und Evan. Kirche. Ebenso habe ich in meinem Leben auch Freikirchen besucht. Meine Erfahrungen, vielleicht auch für manche Menschen Irrglaube ist, dass trotz der Unterschiede Jesus im Mittelpunkt steht.
Ich finde es schön in einem Kath. Gottesdienst zu sein (auch wenn ich aufgrund meiner Einstellung nicht das Abendmahl empfange, da ich weiß das ich so nicht eingeladen dazu bin.)
Ebenso erfreue ich mich über den Besuch einer Evang. Landeskirche und auch über den mit modernen Liedern ausgestatteten Freikirchlichen Gottesdienst.
Alle diese Besuche, Predigten, Lieder etc. Bringen mich meinem Herrn Jesus Christus näher. Denn wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind. Wieso lassen wir nicht (naiv gedacht) alle Konfessionen weg und feiern unseren Retter Jesus!!!!???

Oder bin ich so sehr falsch unterwegs?

Mit freundlichen Grüßen
Ein KonfessionsFREIer Christ

Lieber Basti,

meine Antwort beginne ich auch ganz knapp: Im Grunde brauchen wir keine Konfessionen. Außerdem haben Sie Recht, wenn Sie sagen, dass letztlich bei allen Konfessionen Jesus Christus im Mittelpunkt steht. Das sollte niemand für einen Irrglauben halten, der es mit dem Christentum ernst meint.

Nun etwas ausführlicher, denn Ihre Frage ist das wert. Ich freue mich für Sie, dass Sie sich in unterschiedlichen Gottesdiensten wohlfühlen. Das geht nicht allen Menschen so, die Gottesdienste besuchen. Gerade, wer regelmäßig Gottesdienste feiert, freut sich über das Gefühl der Heimat, das die eigene Kirchengemeinde vermittelt und fühlt sich in Gottesdiensten anderer Konfessionen eher fremd, denn die unterschiedlichen Konfessionen stehen ja nicht nur für unterschiedliche Glaubensschwerpunkte, sondern auch für andere Arten Gottesdienst zu feiern.

Wenn Sie die Unterschiede der Konfessionen kennen, wissen Sie sicherlich auch, dass sie historisch gewachsen sind. Gründe für die Trennung einer Kirche von einer anderen waren einerseits Glaubensfragen, wie zum Beispiel die Frage, in welcher Weise Jesus Christus beim Abendmahl anwesend ist. Aber meistens steckten hinter diesen Glaubensfragen auch handfeste Machtinteressen. Nehmen wir zum Beispiel die Frage des "Amtsverständnisses", also die Frage danach, wer und wie Priester werden kann. Wer das bestimmt, hat eine Menge Macht. Die Römische Kirche beansprucht hier bis heute das Monopol. Jeder Priester muss von einem Bischof geweiht werden, der in einer direkten Reihe von geweihten Amtsträgern steht.

Insofern "braucht" es eine andere Konfession, wenn man dieses römische Vorrecht nicht akzeptieren will und beispielsweise Frauen in ein Pfarramt ordinieren möchte. Jede neue Konfession wurde darum von denen, die sich vom alten Strom abzweigten, als Zugewinn an Freiheit und Autonomie gesehen. Diese Freiheit möchte niemand gern aufgeben.

Sie sehen: Es geht nicht allein um Glaubensfragen, sondern auch um Selbstbestimmung. Darum braucht es Konfessionen, die sich auf ihre selbst gewählte Weise ihrem Dienst an Jesus Christus widmen können. Das bedeutet natürlich nicht, dass man das Gemeinsame nicht betonen sollte. Im Gegenteil. Die ökumenische Bewegung entstand bereits im 19. Jahrhundert und macht sich zur Aufgabe, gemeinsam den Glauben zu verbreiten und auch gemeinsam Gutes zu tun.

Ich verstehe die Zugehörigkeit zu meiner Konfession wie die Zugehörigkeit zu meiner Familie. Ich habe Verwandte, aber das heißt ja nicht, dass ich keine Freunde haben darf. Ich finde allerdings auch, dass jeder Mensch eine Familie haben sollte, weil man sich hier noch anders verantwortlich fühlt. Darum meine letzte Botschaft an Sie: Konfessionsfrei sollte nicht bedeuten, dass man keiner Kirche angehört. Die Kirchen sind Gemeinschaften, nicht lediglich Versammlungen von Leuten, die glauben. Wer es ernst meint mit dem Glauben an Jesus Christus, wird nicht nur die "Senkrechte" des Kreuzes ernst nehmen – die Verbindung von Oben und Unten. Vielmehr muss man auch die Horizontale des Kreuzes ernst nehmen – die verantwortliche Verbindung untereinander. Und die wird in den Kirchen, und das bedeutet auch in den Konfessionen, gelebt.

Sehr herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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