Was bedeutet das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr?

gestellt von Stefan am 11. Juni 2020

Liebe Frau Klee,

im Markusevangelium, ab 10,17 fängt das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr an. Was ich mich frage ist, warum Jesus dem reichen Mann nach dessen Frage, wie er das ewige Leben erhalten kann, zuerst die Befolgung der Zehn Gebote empfiehlt, aber nachdem dieser beteuerte, es bereits getan zu haben und weiter auf seine Frage pocht, ihm dann die (völlig andere) Empfehlung gibt, alles zu verkaufen, den Erlös den Armen zu geben und ihm nachzufolgen, worauf der reiche Mann ihn traurig verlässt? Was ich weiter nicht verstehe ist, nachdem Jesus sagte, dass leichter ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt, erschraken die Jünger und fragten, wer dann noch gerettet werden könne. Diese Reaktion der Jünger passt doch eigentlich nicht auf das, was Jesus zuvor gesagt hatte, denn wir können davon ausgehen, dass zu dieser Zeit die meisten Menschen nicht reich gewesen sind, ich bin sogar überzeugt, dass der Gegensatz zwischen Reiche und Arme damals noch extremer war als heute. Warum beziehen sie die Worte von Jesus, dass die Reichen es schwer haben werden ins Reich Gottes zu kommen, plötzlich auf alle Menschen? Und was ich mich noch frage, warum äußert sich das Markusevangelium (auch im Matthäus und Lukas kommt dieses Gleichnis vor) an dieser Stelle kritisch über den Reichtum von Menschen? Warum sollte ehrlich erworbener Reichtum, ob selber erarbeitet oder geerbt, etwas negatives sein? Man kann durchaus wohlhabend und zugleich gläubiger Christ sein. Und ich meine, dass ich aus den Paulus-Briefen herauslese, dass es selbst in den urchristlichen Gemeinden wohlhabende Mitglieder gegeben hat. Oder wollte dieses Gleichnis vielleicht nur sagen, dass die Menschen nicht aus eigener Kraft ins Reich Gottes kommen können, und das Beispiel des reichen Mannes als eines von vielen Argumenten dient, in diesem Falle weil die Menschen zu sehr am weltlichen festhalten? Denn immerhin antwortet Jesus auf die Frage der Jünger, wer denn noch gerettet werden kann, dass das was bei den Menschen unmöglich ist, bei Gott alle Dinge möglich sind.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan

Lieber Stefan,

herzlichen Dank für Ihre Frage!

Sie sind mit Ihren Gedanken schon ganz auf der richtigen Spur. Es geht bei der Geschichte mit dem reichen, jungen Mann (Mk 10,17-27) um die Frage der Nachfolge. Also darum, wer dem Ruf Jesu folgt. Das zeigt auch der anschließende Text um den "Lohn der Nachfolge". Dort lesen wir ähnlich drastische Worte: "Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfange." (Mk 17,29-30).

Es geht in der Geschichte weniger um den Reichtum als solches. Unter Jesu Anhängern waren auch bei den ersten Christinnen und Christen durchaus wohlhabende Menschen. Neben seinen Jüngerinnen und Jüngern, die mit Jesus auf Wanderschaft gingen, gab es solche, die Jesus finanziell unterstützten und ihr Leben weiterführten. Es geht also um das Hinterfragen der eigenen Prioritäten. Richte ich mein Leben nach dem Geld aus oder nach Gott? Wenn das Geld an erster Stelle steht, wird das erste Gebot nicht befolgt, nachdem Gott an erster Stelle stehen soll. "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." (Mt 6,21). Der reiche Mann ist nicht bereit, allen Besitz zu verlassen und Jesus nachzufolgen. Er hängt also mehr an seinem Besitz als an Jesus und seiner Botschaft. Daher stellt Jesus fest, dass es schwer ist für einen Reichen in das Himmelreich zu kommen. Das entsetzt wiederum die Jüngerinnen und Jünger, weil wohl nur wenige bereit sind, ihr Leben aufzugeben, ihre Familie zu verlassen, um Jesus nachzufolgen. Jesus sagt aber eben auch: "Bei Gott ist alles möglich!" Gott möchte allen Menschen den Weg zu ihm ermöglichen, aber nicht alle Menschen sind bereit für diesen radikalen Umbruch, den Jesus gefordert hat.

Hinter dieser Geschichte wird auch die Situation reflektiert, in der das Markusevangelium entstand (65 n. Chr.). Nur wenige haben sich zu Christus bekehrt, viele wollten in ihren Familien bleiben. Sie hatten Angst vor negativen Folgen, vor dem Verlust ihres Besitzes zum Beispiel. Anfangs waren es vor allem Frauen und Sklaven, für die das Christentum attraktiv wurde. Erst später wurde das Christentum eine weit verbreitete (Staats-)religion.

Für uns heute bedeutet es vor allem eins: Wir sollen uns hinterfragen, wo unsere Prioritäten im Leben liegen. Richte ich mein Leben auf Gott aus oder auf materiellen Gewinn, auf weltliche Güter? Welche Privilegien genieße ich? Und woran hängt mein Herz? Weltliche Güter sind flüchtig und können jederzeit verloren gehen, Gott aber und sein Reich sind ewig.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihr weiteres Bibelstudium,

beste Grüße,

Johanna Klee

 

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