Bleiben oder gehen, wenn man nicht "bibeltreu" glaubt?

gestellt von Beat am 5. Oktober 2020
Frau sitzt vor der Kirche

©Getty Images/Page Light Studios

Wenn man merkt, dass man nicht mehr so glauben kann und will, wie die sogenannten Bibeltreuen, jedoch in einer solchen Gemeinde verwurzelt ist. Was macht man dann? Einfach gehen oder den hoffnungslosen Kampf der Bibelstellen aufnehmen? Wie löst man dies "in der Liebe"?

Liebe*r Beat,

das ist wirklich eine bedrückende Situation, in der Sie da sind. Eine Kirchengemeinde ist für viele Menschen eine Heimat, und die verlässt man nicht gern und ohne Not. Ich habe selbst eine ähnliche Erfahrung gemacht und weiß, wie schmerzlich es ist, wenn man das Gefühl bekommt, in den Augen anderer nicht mehr "richtig" zu glauben. Die "Auswege", die Sie vorschlagen, sind beide mehr als unbefriedigend. Sie schreiben ja selbst, dass ein "Kampf der Bibelstellen" hoffnungslos ist. Und ein Weggang wäre vermutlich endgültig. Ich denke, dass die Lösung in der Frage liegt, die Sie am Ende formulieren: "Wie löst man dies in der Liebe?"

Einen Konflikt "in der Liebe" zu lösen, hat Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther vorgemacht. Zumindest hat er mit seinem Brief versucht, den Konflikt, den er mit seinen Gegnern in Korinth hatte, zu lösen, indem er die Liebe über den Konflikt stellte. Ich rede von 1. Korinther 13, wo Paulus das Loblied der Liebe "singt". Viele Worte finden sich hier, die gern auf Trauungen zitiert werden: "Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts." (1. Kor 13,2) "Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird." (1. Kor 13,8), "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." (1. Kor 13,13).

Es geht Paulus hier natürlich nicht um Ehepaare, sondern um seinen theologischen Streit mit einigen Leuten, die in "seiner" Gemeinde in Korinth mittlerweile die Deutungshoheit über das Evangelium übernommen haben. Offensichtlich wirft man Paulus vor, dass er nicht genügend von den Gaben abbekommen hat, die der Heilige Geist schenkt: Zungenreden, prophetisches Reden, Erkenntnis und nicht zuletzt Glauben. Darum redet Paulus hier von der Liebe, darum stellt er sie über alles andere. Die Liebe ist das Einzige, das bleibt, bis zu dem Tag, an dem alle Gott so erkennen können, wie er uns erkennt. Mit anderen Worten: Worüber auch immer ihr in der Gemeinde streitet: Bleibt in der Liebe!

Sie sehen: Meinungsverschiedenheiten über den "richtigen" Glauben gibt es seit den allerersten Stunden des Christentums. Wenn Sie sich an das halten wollen, was Paulus vorschlägt, sollten Sie Ihren Glauben in Ihrer Gemeinde deutlich machen und darum bitten, dass man ihn akzeptiert, so wie er ist. Ich weiß nicht, ob jemand in Ihrer Gemeinde überhaupt von Ihrem wachsenden Unbehagen weiß. Stehen Sie auf! Aber nicht zum Kampf, sondern um Ihre Art zu glauben vorzustellen und darum zu bitten, das letzte Wort darüber, wer Recht hat, Jesus Christus zu überlassen, wenn er wiederkommt. Bitten Sie darum, dass Sie alle bis dahin in der Liebe bleiben.

Und dann schauen Sie, was aus Ihrer Bitte, Ihrem Angebot wird. Ich bin sicher, dass Sie erkennen werden, ob Ihre Gemeinde dann Ihre Heimat bleiben kann oder nicht. Und wenn Sie sich tatsächlich entschließen zu gehen, wünsche ich Ihnen, dass Sie eine neue Heimat finden.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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